Reisebilder | Rom (Italien)

Der Mensch {Homo sapiens}

 

Quid Nerone peius? Quid thermis melius Neronianis?  |M. Valerius Martialis|

Ex avaritia (…) omnia scelera ac maleficia gignuntur.  |M. Tullius Cicero|

Beati misericordes quia ipsi misericordiam consequentur.  |Matthaeus 5,7|

Extra ecclesiam nulla salus.  |Cyprian, Bischof von Karthago|

Qui mange du pape, en meurt.  |Französisches Sprichwort aus der Renaissance|

 

Die Bilder

 

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Umbilicus Urbis
am Nabel der Welt
erscheint seit Ewigkeiten
verstörend widersprüchlich
das Wesen des Menschen.

Geist und Tugend
archaisch durchwirkt
von Gier und Gewalt
Roma Aeterna.

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Quo Vadis? Ben Hur?
übermächtige Bilder
durch Überlieferung verzerrt
verdrängen die Gegenwart
im imaginären Reich des Orkus.

Der Geist des Petronius
feinsinnig, tritt auf
und lebende Fackeln
im Imperium des Nero
erhellen das Dunkel.

Zuckende Schatten
auf den Wänden
aus Opus Ceamenticium
das edleren Visionen
Gestalt verleihen könnte
Roma Antiqua.

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Ave Caesar, morituri te salutant
der tragische Gladiatorengruß
im Amphitheatrum Flavium
Legende der Nachgeborenen
übertönt vom Horror der Realität.

Der Angstschweiss der Gequälten
Aphrodisiakum für die Massen
unheimliches Instrument der Politik
reizt animalische Instinkte
die das geniale Bauwerk fokussiert.

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In den antiken Ruinen
der »Ewigen Stadt«
scheinen die Fragmente
das Leid der Unglücklichen
zu beklagen.

Imperiale Größe
bezahlt mit den Knochen
menschlicher Wesen.

Sechstausend Gekreuzigte
Gefährten des Spartacus
entlang der Via Appia
Grauen erregende Wegmarken
der Hoffnungslosigkeit.

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Auf der Suche nach Erlösung
von den Übeln der Welt
der Tempel der Heilsbotschaft
dem  Gekreuzigten geweiht.

Niederschmetterndes Kunstwerk
in Stein gemeisselter Wille zur Macht
Sancta Ecclesia Catholica Romana
seit Jahrtausenden beharrend
im wechselvollen Lauf der Zeit.

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Der Pontifex Maximus, Mensch
Stellvertreter Christi auf Erden
geistliches Gravitationszentrum
im irdischen Kosmos der Kirche
Menschen im Menschenwerk
gefangen in ihren Widersprüchen.

Glaubenshüter, Verwalter des Zweifels
zu messen an der irdischen Substanz
die sie der Friedensbotschaft verleihen.

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Exstinctor, Maskulinum
verstörende Etymologie
im Appartamento Borgia
extinguere, auslöschen
extingueris, du wirst ausgelöscht
viele sind ausgelöscht worden
im Namen der Kirche
extincti sunt.

Der Pontifex, Mensch
machthungrig verstrickt
in das Böse seiner Zeit.

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Der Pontifex, Mensch *
taktierender Verkünder des Glaubens
beladen mit dem Irrsinn
des zwanzigsten Jahrhunderts
moralische Instanz im Widerspruch.

Eine Enzyklika Mit Brennender Sorge
die Begrenztheit der Worte
die Unzulänglichkeit des Handelns
stören den Plan des Antichristen nicht.

Der Pontifex, Mensch
tragisch scheiternd
am Auftrag seiner Würde.

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Vita brevis, ars longa
Facetten des Daseins
in den Musei Vaticani.

Schmerz und Erlösung
Glaube und maßlose Gier
Vollkommenheit und Scheitern
am bloßen Menschsein
Hybris und wahres Genie.

Laokoon, Sixtina, die Stanzen
ein merkwürdiges Wesen
das diese Wunder schuf.

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Bittere Pracht, Große Kunst
doch stille Betroffenheit
weckt der abschweifende Blick
auf schlichtes Handwerk.

Ein Kindersklaventorso im Dunkeln
beschädigte Massenware der Antike
Zeugnis römischer Badekultur
in der Neuzeit der Erde entrissen
ergänzt im Ungeist des Rassismus.

Die Schattenseiten der Geschichte
der Mensch, Opfer des Menschen
wehrlos versklavt, mißbraucht
von Krieg und Gewalt bedroht.

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Auf der Suche nach Licht
am Himmel über dem Capitolium
vom Philosophenkaiser beherrscht
Lehrer der Stoa, tugendreich
idealisierter Schöpfer tiefer Gedanken.

In die Zeit geworfener Mensch
widerstrebende Seelen in der Brust
Philosoph, Verfolger, Auslöscher,
Feldherr in brutalen Schlachten.

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Respice post te, sieh dich um
hominem te esse memento, bedenke
dass auch du nur ein Mensch bist
der Optimus Princeps, tugendreich
Triumphator, Eroberer der Welt
Stifter des Forum Traiani
blutiger militärischer Triumph
legitimiert seine Macht.

Das Elend der Schwachen
relativiert die historische Größe
zu messen am Grad des Leides
das der Welt erspart bleibt.

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Genug der großen Männer
vom gleißenden Licht
der Via dei Fori Imperiali
in den banalen Orkus der Metro
wilde gespenstische Fahrt
mit Projektionen auf Wänden
aus Opus Caementicium.

Romulus erschlägt Remus
Kubrick erweckt Spartacus
die Legionen des Caesar weichen
dem erfundenen Saluto Romano
der bedrohlichen Horden des Duce
inmitten Nero entrückt mit Kithara
Caligula, andächtig lauschend
Marc Aurel, selbstbetrachtend
unter der Kuppel des Pantheon
ein aus der Zeit gefallenes Stelldichein
Rodrigo, Cesare, Franciscus (de Assisi)
Sulpicia (minor), Messalina
Cicero, Plinius (major), Apollodorus
Michelangelo, Raffael, Bernini
und all die Päpste, Märtyrer, Heiligen
Quo vadis, domine?

Stazione Cipro »Musei Vaticani«.

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Was ist der Mensch?

Homo sapiens, insipiens
Homo amans, necans
Homo misericors, avarus
Homo aestheticus, destructivus
Homo religiosus, {…}.

Rätselhafte Spezies
dunkle Abgründe, lichte Größe
Chancen ausschlagend
zur Barmherzigkeit fähig
friedlich nur im Frieden
mit Vorsicht zu begegnen
Fides? Caritas? Spes?

Cave homines.

 

* | Büste des PIUS XI in den Musei Vaticani, gestaltet von A. Silva |