Odd Places | Die Kathedrale | revisited

In der Zeitenwende

 

Das abgewickelte Krupp’sche Hüttenwerk in Duisburg-Rheinhausen. Historischer Boden. Hochöfen. Stahlwerk. Walzstraßen. Kokerei. 300 ha schwerindustrielle Baukultur.

Ein Jahrhundert nach dem ersten Hochofenabstich lag noch immer der morbide Geruch von Feuer und Schlacke über dem gigantischen Schrottplatz. Im Zeitalter von Kohle und Stahl schufteten hier Tausende. Doch 1997, vier Jahre nach der endgültigen Schließung des Werkes, wirkte das riesige Gelände wie die verlassene Kulisse eines Endzeit-Dramas. Mit dem Rückbau beschäftigte Arbeiter verloren sich in einem Dschungel aus schon verwitternden Hochöfen, düsteren Hallen mit eingeschlagenen Scheiben, im Nichts endenden Rohrleitungen und von der Natur zurückeroberten Schienenwegen. Zur Entsorgung aufgeschichtete Eingeweide der Industrieanlagen, rostigen Scheiterhaufen gleich, markierten als Landmarken eine faszinierende Welt des Verfalls im Durchgangsstadium zur postindustriellen Ära. Fast erwartete man die verunsichernde Begegnung mit Andrei Tarkovskys Stalker.

Einst war das Hüttenwerk ein Kraftzentrum des Industriezeitalters. Gegründet von Friedrich Alfred Krupp, befriedigte es den beängstigenden Stahlhunger der Deutschen. Ein Industriegigant am Rhein mit eigenem Hafen. Eisenverhüttung. Rohstahl. Eisenbahnschienen. Walzdraht. Stahlprofile. Machtmittel der wirtschaftlichen Expansion und Materialien zur Konstruktion menschenverschlingender Maschinen in zwei Weltkriegen. Kriegsvorbereitende Produktionsrekorde in der NS-Zeit. Zwangsarbeit. Luftkrieg und Untergang. 1950 schon wieder in der Gewinnzone. Der Nachkriegsboom mit nie gekannten Produktionsziffern, eine kurze Blüte bis zur beginnenden Stahlkrise Mitte der 1970er Jahre.

»Krupp war Rheinhausen und Rheinhausen war Krupp« (1), wie die Wohnung, das Krankenhaus oder der Kaufladen. Der Paternalismus des 19. Jahrhunderts schuf Abhängigkeiten und konnte das System hinterfragende Existenzen vernichten. Auch im späten 20. Jahrhundert hingen Wohl und Wehe tausender Menschen, einer ganzen Region von den Entscheidungen eines Unternehmens ab.

Mit nackter Existenzangst, Wut und Entschlossenheit zum Widerstand reagierten die Kruppianer auf die Verkündigung der beabsichtigten Werksschließung im Jahre 1987, dramatischer Höhepunkt der Stahlkrise. Duisburg-Rheinhausen wurde zum Schauplatz des härtesten Arbeitskampfes in der Geschichte der Bundesrepublik. Unvergessene Bilder. Die legendäre Besetzung der »Brücke der Solidarität« von Rheinhausen nach Duisburg-Hochfeld. Mahnwachen. Menschenketten. Solidaritätsgottesdienste. Massendemonstrationen. Letztlich vergeblich.

Vergangenheit. Heute ist das Hüttenwerk vom Erdboden getilgt, die archaisch anmutende erdig-düstere Hochofenwelt verdrängt von turmhohen, quietschbunten Containerstapeln mit Industrieprodukten aus China. Logport. Ein Logistikzentrum. Strukturwandel. Arbeit für Tausende in der Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft.

Sommer 1997. Ich stehe vor der riesigen Halle, die dem Abriss geweiht ist. Eine Kathedrale vergangener Arbeit. Der Gottesdienst, Götzendienst beginnt. Ich muss hinein.

 

Die Bilder

 

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In einer finsteren Ecke
des Seitenschiffs
prangt der Wert
den die Stifter
der Kathedrale
zugemessen haben.

 

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Das gehärtete Glas
der ins endliche Dunkel
strebenden Fenster
erstaunlich verwundbar
scheint alle Wut der Welt
auf sich zu ziehen.

 

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Das Strebwerk des Tempels
der Arbeit und der Geldvermehrung
knickt ein unter der Wucht des Wandels
die Kathedrale versinkt in dem Material
das einst in ihr erzeugt wurde.

 

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In der Endzeitwunderwelt
Universum der Readymades
krallen sich aus dem Dunkel
Kultgegenstände ferner Zeit
mit rätselhafter Bedeutung.

 

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Die verlassene Halle
einst Mittelpunkt der Existenz
Symbol der Ideen
Zwänge und Möglichkeiten
eines herrschenden Weltentwurfes
das Leben geweiht, geopfert
ausgeliefert, verschrieben
der industriellen Arbeit.

 

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Düsteres, verwittertes Reliquiar
Schauplatz vergessener Schicksale
angeschlagenes Arbeiterdenkmal
Monument einer vergehenden Kultur
die Kathedrale der Arbeit
fast nichts ist von ihr übrig.

 

Anmerkung

(1) vgl. den Artikel zur Hütten- und Bergwerke Rheinhausen AG auf Wikipedia (externer Link)